38/26 Information der Institutionen und Behörden: AMK: nicht verschreibungspflichtige Pseudoephedrin-haltige Kombinationsarzneimittel: kardiovaskuläre Risiken und mögliche Überempfindlichkeitsreaktionen beachten
AMK / Die AMK hat die ihr vorliegenden Meldungen zu nicht verschreibungspflichtigen Pseudoephedrin-haltigen Kombinationsarzneimitteln ausgewertet. Für den Zeitraum 1. Januar 2013 bis 30. Juni 2026 wurden 51 Verdachtsfälle unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW) im Zusammenhang mit sieben rezeptfrei erhältlichen Präparaten identifiziert. Davon entfielen 15 Meldungen auf Kombinationen mit H1-Antihistaminika, 19 Berichte auf Kombinationen mit Acetylsalicylsäure (ASS) und 17 mit Ibuprofen.
Pseudoephedrin wird u. a. zur kurzfristigen symptomatischen Behandlung von Erkältungen und allergischer Rhinitis eingesetzt, u. a. kombiniert mit Ibuprofen, ASS, Cetirizin oder Triprolidin. Je nach Präparat beträgt die Einzeldosis 30-120 mg; gemäß Anlage 1 Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV) sind bis zu 720 mg Pseudoephedrin pro Packung zulässig.
Das berichtete Spektrum an Nebenwirkungen war heterogen; innerhalb einer Meldung wurden teilweise mehrere Symptome berichtet. In den 51 Berichten wurden 19-mal allergische (z. B. Exanthem, Juckreiz) und 31-mal kardiovaskuläre Nebenwirkungen (u. a. Tachykardie, Blutdruckanstieg) gemeldet; sieben Meldungen enthielten Symptome beider Gruppen. Über den gesamten Zeitraum hinweg überwogen kardiovaskuläre Symptome.
Bei dokumentierter Altersangabe waren 41 Patientinnen und 10 Patienten zwischen 19 und 84 Jahren betroffen; am häufigsten Personen zwischen 40–49 Jahren (n=19). Ein altersabhängiges Risiko lässt sich aus den Daten nicht ableiten.
Eine vertiefte Betrachtung entsprechender Risiken erfolgte unter anderem nach einer von der AkdÄ veröffentlichten Kasuistik, zu der die AMK mit der AkdÄ in fachlichem Austausch stand. Die AkdÄ berichtete über den Fall eines 42-jährigen Mannes, der nach erstmaliger Einnahme eines apothekenpflichtigen Kombinationsarzneimittels mit Pseudoephedrin und ASS innerhalb von 30 Minuten Thoraxschmerzen und Schweißausbrüche entwickelte (1, 2). Im weiteren Verlauf traten Kammerflimmern, generalisierte Koronarspasmen sowie ein Hinterwandinfarkt auf. Eine Reanimation mit Defibrillation war erforderlich. Der Patient wurde intensivmedizinisch versorgt und erhielt mehrere Stents (1, 3). Die Differentialdiagnose lautete „Reaktion auf Pseudoephedrin“ sowie „Prinzmetal-Angina“. Zu den berichteten Risikofaktoren des Patienten zählen Heuschnupfen, chronische Sinusitis und Asthma bronchiale (4). Als weitere verdächtige Substanz wurde Cetirizin (H1-Antihistaminikum) als Begleitmedikation genannt (2).
Pseudoephedrin wirkt als indirektes Sympathomimetikum, indem es die Freisetzung von Noradrenalin fördert. Die daraus resultierende Vasokonstriktion kann zu einem Blutdruckanstieg und Vasospasmus führen, was den Zusammenhang mit den beobachteten Koronarspasmen erklären könnte (1). Ein Hersteller verweist gegenüber der AMK zudem auf die Möglichkeit einer allergischen Reaktion auf ASS, die im Rahmen eines Kounis-Syndroms zu einem akuten Koronarsyndrom geführt haben könnte (4). Das Kounis-Syndrom wird mittlerweile in den aktuellen Produktinformationen adressiert (6).
Im Zusammenhang mit ASS-bedingten Überempfindlichkeitsreaktionen gelten insbesondere Bronchialasthma, Heuschnupfen, Nasenpolypen und chronische Atemwegserkrankungen als relevante Risikofaktoren. Pseudoephedrin-haltige Kombinationsarzneimittel sind bei schwerer oder unkontrollierter Hypertonie sowie bei anderen schweren kardiovaskulären Erkrankungen, darunter koronare Herzkrankheit und Tachyarrhythmien, kontraindiziert (5-7).
Die AMK rät daher zu einer kritischen Nutzen-Risiko-Abwägung bei der Abgabe Pseudoephedrin-haltiger Kombinationsarzneimittel. Relevante kardiovaskuläre Gegenanzeigen und Risikofaktoren sind sorgfältig zu beachten. Bei ASS-haltigen Kombinationen sollten zusätzlich Hinweise auf eine mögliche Unverträglichkeit berücksichtigt werden. Ist nicht die Behandlung sämtlicher durch das Kombinationspräparat adressierter Symptome erforderlich, sollte geprüft werden, ob eine gezielte symptomatische Therapie mit geeigneten Monopräparaten ausreichend ist.
Risiken im Zusammenhang mit der Anwendung Pseudoephedrin-haltiger OTC-Arzneimittel sind vorzugsweise online unter www.arzneimittelkommission.de zu melden. /
Quellen
1) AkdÄ: Koronarspasmen und Myokardinfarkt nach Pseudoephedrin. www.akdae.de → Arzneimittelsicherheit → Drug Safety Mail 2024-52 (Zugriff am 19. Dezember 2024).
2) Stada Arzneimittel AG an AMK (E-Mail-Korrespondenz); […] Anfrage zu Meldungen im Zusammenhang mit generalisierten Koronarspasmen. (8. Januar 2025).
3) EMA; EudraVigilance-Datenbank (Fallnummer: EU-EC-10018009956). www.adrreports.eu → Meldungen über Verdachtsfälle bei Nebenwirkungen bei Substanzen → Pseudoephedrine Hydrochloride, Acetylsalicylic Acid → Line Listing (Zugriff am 24. Januar 2024).
4) Bayer Vital GmbH an AMK (E-Mail-Korrespondenz); […] Anfrage zu Meldungen im Zusammenhang mit generalisierten Koronarspasmen […]. (23. Januar 2025).
5) Johnson & Johnson GmbH; Fachinformation Reactine duo 5 mg / 120 mg Retardtabletten, Stand: Mai 2025.
6) Bayer Vital GmbH; Fachinformation Aspirin Complex, Granulat zum Herstellen einer Suspension zum Einnehmen, Stand: März 2026.
7) Angelini Pharma Deutschland GmbH; Fachinformation BoxaGrippal Erkältungssaft 200 mg/10 ml + 30 mg/10 ml Suspension zum Einnehmen, Stand November 2025.
[Pharm. Ztg. 2026 (171) 38:79]